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Generation Y - Du nervst!

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Liebe Generation Y, Du nervst. Und zwar gewaltig. Du bist verzogen und undankbar. Du hast keine Lust auf Arbeit. Dein Lebensinhalt besteht aus Fordern und Nörgeln. Wir können es Dir nicht Recht machen. Und ich habe auch keine Lust mehr dazu. Für mich bist Du raus!

Ein ärgerliches Thema

Gerade musste ich wieder in einem Artikel des sonst sehr geschätzten Humanresourcesmanager lesen, dass sich die Unternehmen wandeln müssten, um der Generation Y gerecht zu werden (Link). Man solle diese Mitarbeiter in den Mittelpunkt stellen, so, wie es zuvor deren Eltern getan haben. Die Generation Y sei anspruchsvoll, fordernd und sie hinterfrage gerne. Die jungen Menschen möchten keiner Arbeit nachgehen, die ihnen keinen Sinn vermittelt. Zudem würden die beide Optionen "Arbeit oder Freizeit" regelmäßig gegeneinander abgewogen. In der Konsequenz erfordere der Umgang mit dieser Gruppe eine neue Art der Führung, weswegen jetzt die Führungskräfte in den Unternehmen aufgerufen seien, sich selbst zu hinterfragen.

Dieser ganze Mist hat für mich die gleiche fragwürdige Qualität, wie der New-Work-Hype. Die Diskussion ist ein weiterer Versuch, die 40 Jahre alte Steilvorlage von Frithjof Bergmann, man solle nur einer Arbeit nachgehen, die man "wirklich, wirklich will", in ein Tor zu verwandeln. Die Akteure allerdings stolpern wie betrunkene Pennäler über das Spielfeld und regen sich gleichzeitig darüber auf, dass Sport anstrengend sei. Sie merken es schon - mir fehlt das Verständnis für eine solche Geisteshaltung.

Kein Anspruch ohne Gegenleistung

Ich habe nichts gegen Ansprüche. Allerdings sollte man es sich erlauben können, einen Anspruch zu haben. Bestenfalls hat man sich diesen durch eine vorausgegangene Leistung erworben. Gibt man der Forderung jeweils ohne Gegenleistung nach, dann führt das zu weiter steigenden Ansprüchen. Wir kennen das von zuhause. Kinder entwickeln ab der Geburt automatisch eine "Ich-Will"-Haltung. Das ist entwicklungsbiologisch erklärbar und ganz normal. Sobald sie denken können, sind Kinder aber auch  davon überzeugt, dass sich jeden Morgen um 4:30 Uhr der Himmel öffnet und dass es dann Unmengen an Geld (für Spielsachen, Urlaube und Gummibärchen) auf uns herab regnet. Ebenso automatisch, so glauben sie, füllt sich der Kühlschrank in der Nacht wie von Zauberhand. In der Erziehung kommt es daher darauf an, die Kinder beizeiten aus der Nehmer-Rolle heraus zu lösen und einen eigenen Beitrag für all die Selbstverständlichkeiten einzufordern. Wir müssen das Weltbild gerade rücken und das 4:30 Uhr-Missverständnis korrigieren. Versäumen es die Eltern, ihre Kinder an diese neue Perspektive heranzuführen, dann findet eine Abnabelung nicht - oder nur sehr spät und dann unter erheblichen Schmerzen - statt. Oder schlimmer noch - man landet in der Generation Y.

Das Fatale ist, dass die Diskussion eine Eigendynamik entwickelt hat. Seitdem die GenY erstmals auf der wissenschaftlichen Bühne erschien (das ist nun auch schon etwas länger her ...), haben sich die Experten auf Erklärungsversuche konzentriert - anstatt dem Unfug vehement Einhalt zu gebieten. In der Folge haben wir das erlebt, was landläufig mit dem Begriff "Self-Fullfilling-Prophecy" beschrieben wird. Das Phänomen wurde gesellschaftlich akzeptiert und man begann, sich darauf einzustellen.

Die Diskussion schadet allen

Hier schließt sich wieder der Kreis zu New-Work. Was haben wir nicht alles versucht, um der überzogenen Anspruchshaltung gerecht zu werden. Ich habe dazu unlängst bereits einen längeren Beitrag geschrieben (Link). Besser wäre es gewesen, die verwöhnten Blagen ohne Abendessen ins Bett zu schicken. Ich möchte daher mein eindringliches Plädoyer an dieser Stelle nochmals wiederholen: "Ich kann nur allen Arbeitgebern raten, sich von der moralischen Verpflichtung zu lösen, die ... in das Modell hinein interpretiert wird. Es ist nämlich nicht unsere Aufgabe als Arbeitgeber, jedem Mitarbeiter seinen eigenen Spa-Bereich zu bauen. Vielmehr ist es so, dass Mitarbeiter und Unternehmen zueinander finden müssen, ohne sich dabei zu verbiegen. Wer nicht zueinander passt, der sollte auch nicht miteinander arbeiten."

In meiner Überzeugung reagieren die Unternehmen viel zu weichgespült auf die GenY- und New-Work-Debatte. Schlussendlich sind es die Unternehmer, die das wirtschaftliche Risiko tragen. Im Gegenzug haben sie nach meiner Überzeugung dann auch alles Recht der Welt, die Spielregeln zu definieren. Gehalt, Arbeitszeit, Aufgaben - das ist keine basisdemokratische Entscheidung, die wir nach Belieben führen können. Selbstverständlich hat jeder Mitarbeiter das Recht, die Spielregeln abzulehnen. Aber wer um 19 Uhr nicht beim Abendessen erscheint, der muss eben hungrig schlafen gehen. So einfach ist das. Es ist nicht so schwierig, die Parallelen zwischen kleinen Kindern und der Generation Y zu sehen, oder?

Zu viele Optionen

Im Übrigen ändert sich auch nichts am grundsätzlichen Dilemma, wenn wir uns der Diskussion stellen. Ein letztes mal bemühe ich den Vergleich zur Kindererziehung. Unerfahrene Eltern fragen am Esstisch gerne: "Was möchtest Du essen?" Böser Fehler! Was nun passiert, ist ein Brainstorming der ganz besonderen Art, das gerne im gedanklichen Chaos endet. Kinder müssen nämlich erst lernen, Alternativen zu bewerten und dann Entscheidungen zu treffen. Ein Überangebot ist dabei wenig hilfreich. Die Frage "Möchtest Du Käse oder Wurst auf's Brot?" führt da sehr viel schneller ans Ziel - und schont das Nervenkostüm. Die Kinder lernen dabei gleichzeitig, dass sich verschiedene Optionen gegenseitig ausschließen (können). Das ist wichtig.

Die Mitglieder der Generation Y sind in einer "Multioptionsgesellschaft" aufgewachsen, wie der Jugendforscher Klaus Hurrelmann das nennt. Es gibt spannende Studien zur Frage, wie sich das auf die Rolle der GenY im Arbeitsleben auswirkt. Darin werden die Angehörigen als stark angepasst, stressgeplagt, konkurrent und verunsichert – mit einer Tendenz zum Rückzug ins private Idyll und übertriebenem Wunsch nach Sicherheit, permanentem Feedback und Anerkennung („Generation Me“) bewertet. Von Von "Neo-Biedermaier" oder "Darwiportunismus" (Christian Scholz) ist da die Rede. Die Trendforscher Heinzlmeier und Ikrath bezeichnen die Gruppe gar als "Amoralische Egoisten".

Angesichts eines dermaßen verkorksten psychologischen Backgrounds möchte man fast Mitleid bekommen. Das will mir aber nicht gelingen. Für mich bleibt es dabei. Wer sich heute gegen eine Arbeit entscheidet, weil er diese nicht "wirklich, wirklich will", der darf nicht auf uneingeschränktes Verständnis und endlos viele Alternativen vertrauen darf. Das Fehlen von Handlungsoptionen ist eine wichtige Erfahrung - für Kinder wie für unzufriedene Arbeitnehmer. Erst nach dieser Lektion können Anspruch und Erwartung auf ein gesundes Maß korrigiert werden.

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